Von der Verbreitung zur Ansiedlung

Wer Pilze, speziell Trüffeln irgendwo ansiedeln will, sollte zunächst ein paar scharfe Blicke in die Natur werfen und sich Gedanken über die natürlichen Verbreitungswege machen.

Wie kommen die Sporen von A nach B
Winzige Sporen statt Samen sind die Verbreitungseinheiten der Pilze. Ihre Verteilung erfolgt bei oberirdisch (epigäisch) wachsenden Pilzfruchtkörpern vorwiegend durch Lufttransport. Die unterirdisch (hypogäisch) wachsenden Trüffeln dagegen entwickelten im Laufe der Evolution eine andere Technik: Mit zunehmender Reife erzeugen sie verschiedene, separate Aromastoffe. Diese verbreiten sich nicht nur im Boden, sondern werden durch die Bodenatmung auch ins Freie befördert. Über den Geruchssinn können Lebewesen dies wahrnehmen, ausbuddeln und als Nahrungsquelle für sich nutzen. An günstigen Tagen (fallender Luftdruck, hohe Luftfeuchtigkeit, Windstille) können darauf trainierte Menschen den typischen Trüffelgeruch im Wald meterweit wahrnehmen.


Wer transportiert die Sporen von A nach B
Welche Tiere - außer dem Menschen - für die Verbreitung infrage kommen, dazu ist zwar einiges in der älteren Literatur erwähnt, gleichwohl stellten wir eigene Nachforschungen an:  
Nachdem wir ab April 2011 durch Ausbildung und den Einsatz von Hunden und Hundeführern die ersten Standorte gezielt ermittelten, stellten wir an einigen sorgfältig ausgewählten Stellen Wildbeobachtungskameras auf. Parallel dazu überprüften verschiedene Trüffelfreunde z.B. Maden aus befallenen Trüffeln, sowie verschiedene Nacktschneckenarten auf den Mageninhalt, sowie deren Kot. Überall waren problemlos Asci mit den darin befindlichen Sporen nachzuweisen. Selbst verschiedene Vogelarten wurden durch Videoaufnahmen entlarvt, wie sie im Winter Maden aus den reifen Trüffeln erbeuten und verschlingen. – Die Überprüfung von Vogelkot und Gewölle zum Nachweis von Trüffelsporen allerdings steht noch aus.

Eichhörnchen buddelten ganze Trüffeln aus und verschleppten diese zur Vorratshaltung. Ratten, Kaninchen und Schleichkatzen wie die Kleinfleck-Ginsterkatze konnte ich in Portugal als Trüffelsucher ausfindig machen. Die Annahme, dass Wildschweine sich an Sommer- oder Burgundertrüffeln zu schaffen machen, trifft dagegen nicht zu. So gibt es Videoaufzeichnungen, wo eine ganze Rotte Wildschweine wiederholt durch eine Trüffiére rennt. Nur einige Frischlinge interessierten sich für Bruchteile von Sekunden für die aus dem Boden ragenden Trüffeln bzw. deren Geruch, liefen aber nach kurzem Stupser mit der Schnauze der Rotte hinterher. Durch Magenuntersuchungen von erlegten Wildschweinen wiederum konnten wir den Verzehr von Hirschtrüffeln (Gattung Elaphomyces) nachweisen. Waschbären, Rehe und immer wieder Dachse gehörten außerdem zu den ermittelten Tierarten.


Welche Rolle spielen Hunde bei der Trüffelverbreitung
Meistens unbemerkt für die rund 10 Millionen Hundebesitzer gehen Hunde bei den Wald- und Stadtspaziergängen den verlockenden Trüffelgerüchen nach und verzehren diese gern. Für einige Hundehalter hat sich dies ohne Anleitung nach Trüffeln zu buddeln, zum Zeitvertreib entwickelt. Anstatt Futter zu kaufen, geht man mit dem Hund eine Runde, damit diese ihre Nahrung selbst suchen.  – So landen schließlich die unverdauten Sporen mit dem Kot in großer Menge an völlig anderer Stelle. Damit sind im Laufe der Evolution verschiedenste Lebewesen zu Transporteuren der Sporen von A nach B geworden.
Trüffelverbreitung ohne den Menschen
Wir Menschen dagegen haben uns im Laufe der letzten 150 Jahre in unserem ihrem Verhalten drastisch geändert, indem wir den Kot nicht mehr in der freien Natur absetzen.

Was geschieht mit den Sporen bei B
Ob frisch, getrocknet, zwischenzeitlich eingefroren oder nach unterschiedlichen Lagerzeiten und Lagerumgebungen, Sporen von Trüffeln waren auf üblichen Wegen nicht zum Auskeimen zu bringen. Daher testeten wir, ob sich die Keimwilligkeit bzw. Keimfähigkeit verbessert, wenn diese zuvor den Magen-Darm-Trakt von Mäusen passierten. Weder Sporen von Tuber melanosporum noch von Tuber magnatum konnten daraufhin zum Keimen gebracht werden.  
Wie und wann keimen also Sporen aus, wenn die Trüffeln aus dem Boden gekratzt und verschleppt, eintrocknet oder an Ort und Stelle verfault bzw. vom Frost für einige Zeit konserviert werden?


Wann keimen Trüffelsporen aus
Trüffelsporen keimen selbst nach mehreren Jahren Lagerzeit im Boden aus, sofern sie in die Nähe der Wurzelspitzen eines Symbiosepartners gelangen. Oder eben umgekehrt: Sobald die Wurzelspitzen in die Nähe von Trüffelsporen kommen reagieren diese auf Botenstoffe. Die verschiedenen Baumpartner geben gezielt chemische Signale ab, um Mykorrhizapilze anzulocken bzw. Sporen zum Auskeimen anzuregen. Das haben erste eigene Versuche belegt.  – Mit diesen Basisinformationen können wir im Trüffelanbau genau bestimmen, wo „B“ ist: Der derzeitige und zukünftige Wurzelspitzenbereich der Ekto-Mykorrhizabäume.


Von der Natur zur Kultur - Mykorrhizierung von Altbäumen
Die zumeist 3-5 Sporen pro Ascus bei Tuber aestivum sind jeweils etwa 20 bis 25 µm klein. Um die notwendige Mindestmenge an (reifen!) Sporen in Wurzelspitzennähe zu bringen, werden die unendlich vielen Asci einer Trüffel durch Zerkleinern derselben getrennt und zur späteren „Aussaat“ zunächst auf ein Trägermaterial wie etwa Vermiculit verteilt.  Das entspricht dem natürlichen Verbreitungsweg:  ausbuddeln, zerkleinern, fressen, ausscheiden.


Wo ganz genau ist jetzt B
Im Traufbereich befinden sich die feinen Wurzeln mit ihren Wurzelspitzen, sozusagen die Front des Wurzelwachstums. Genau dort sollten Altbäume beispielsweise mit der „Spateneinstichmethode“ beimpft werden. Dabei gilt auch hier: Nicht kleckern – klotzen! Unser Ziel ist übrigens nicht die Baumsanierung durch Mykorrhizierung, sondern die Produktion von Pilzfruchtkörpern. Die erfolgreiche Ansiedlung nach dieser Methode konnten wir kürzlich bei Versuchen in Portugal nachweisen. Siehe Video weiter unten oder direkt auf youtube
https://www.youtube.com/watch?v=9Tqoga209Uo


Welche Baumarten sind geeignet
Zu berücksichtigen ist, dass es sehr viele Baumarten (wir ermittelten bislang 29 Arten) gibt, bei denen Tuber aestivum wildwachsend vorkommt. Aber: Wir fanden auch heraus, dass nicht mit allen Baumarten Sommer- bzw. Wintertrüffeln gleich produktiv sind. Gravierende Unterschiede sind außerdem feststellbar, in welchen Lebensabschnitten der verschiedenen Baumarten es überhaupt zur Fruktifikation kommt. Die Antworten darauf allerdings sollte vor allem der Trüffelanbauer kennen, bevor er seine Trüffelanlage etabliert. Um Antworten auch auf diese und viele anderen Fragen zu bekommen, sind weitere Trüffelsucher und Trüffelanbauer für die nebenberufliche Forschungsarbeit zu gewinnen. Vielleicht haben Sie ja Lust in der Forschungsgruppe mitzuwirken?